In Deutschland gibt es weit über 200 öffentlich zugängliche Tonarchive: Senderarchive, Forschungssammlungen, Musikarchive, Museumsbestände. Das Material wird bisher selten in Wissenschaftspodcast oder Hochschullehre genutzt – obwohl der Zugang einfacher wurde.
Die neue Folge von „Science goes Podcast“ legt Lehrenden und Podcastenden Quellen ans Herz, die Sendungen und Seminaren eine besondere Tiefe verleihen: Tonarchive. Ich lasse mich für die Reportage zu diesem Thema von der Kulturwissenschaftlerin Margret Findeisen, die hierüber ihre Dissertation verfasste, durch das Arno-Ruoff-Archiv in Tübingen führen. Es zeigt exemplarisch, was in Sammlungen historischer Audioaufnahmen steckt. Hier dokumentieren rund 1.200 Tonbandaufnahmen aus den 1950er und 1960er Jahren gleichzeitig: frühe Migrationsgeschichte der Bundesrepublik, Alltagsleben, Erinnerungen an Flucht und Vertreibung, Dialektvariation auf engem geografischem Raum. Ein Archiv, das, wie viele andere, interessantes Material für Soziologie, Linguistik, Zeitgeschichte, Kommunikationswissenschaft und weitere Disziplinen bereithält.
Was Tonarchive leisten – und was wir berücksichtigen sollten
Archivton funktioniert im Podcast anders als ein aktuelles Interview. Das Besondere: Hier spricht jemand aus einer Zeit, die nicht mehr befragbar ist. Für Wissenschaftspodcasts, die historische oder gesellschaftliche Prozesse erklären, bieten Archivtöne einen Mehrwert, den kein eingelesenes Zitat ersetzt.
In der Lehre kommt eine weitere Dimension hinzu. Historische Tonaufnahmen können im Seminar eingesetzt werden, um Quellenkritik konkret zu machen: Wer spricht hier unter welchen Bedingungen? Was sagt das Gesagte – und was sagt die Art, wie es gesagt wird? Das Arno-Ruoff-Archiv etwa dokumentiert Interviewsituationen, in denen die Sammler ihre Gesprächspartner aktiv lenkten, manchmal täuschten. Das ist auf den Aufnahmen hörbar. Solches Material eignet sich für die quellenkundliche Arbeit mit Studierenden direkt.
Voraussetzung für beides: den Entstehungskontext zu kennen. Jede Aufnahme ist mit einer bestimmten Fragestellung, Technik und sozialen Situation entstanden. Diese Bedingungen zu erfahren (durch genaues Hinhören oder durch die Dokumentation) ist wichtig. Und Teil des Tondokuments.
Hilfe bei der Recherche
Der strukturell einfachste Einstieg liegt bei den Senderarchiven. Seit 2014 haben sich die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten verpflichtet, ihre Archive für Wissenschaft und Forschung zu öffnen. Seit 2021 koordiniert das Deutsche Rundfunkarchiv (DRA) Anfragen an ARD und Deutschlandradio zentral – das erspart die Einzelrecherche bei jedem Sender.
Für spezialisierte Bestände gibt es weitere Anlaufstellen. Das Lautarchiv der Humboldt-Universität Berlin hält Aufnahmen aus dem frühen 20. Jahrhundert, darunter dokumentierte Sprachen aus Kriegsgefangenenlagern des Ersten Weltkriegs – für Sprachwissenschaft, Kolonialgeschichte und Kulturanthropologie relevant. Das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS) erschließt linguistische Bestände. Für musikhistorische Fragestellungen ist das Musikarchiv der Deutschen Nationalbibliothek ein Ausgangspunkt.
Die Erschließung der Archive hinkt ihrer Digitalisierung oft hinterher. Was digitalisiert ist, ist nicht immer recherchierbar – und was recherchierbar ist, nicht immer vollständig beschrieben. Eine direkte Kontaktaufnahme zu den Archivmitarbeitenden kann effizienter sein als reine Online-Recherche.
Zur Podcastfolge: Tonarchive entdecken
Einige Tonarchive:
– Deutsches Rundfunkarchiv (DRA) – zentrale Anlaufstelle für ARD und Deutschlandradio
– Lautarchiv der Humboldt-Universität Berlin
– Arno-Ruoff-Archiv, Universität Tübingen
– Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS)
– Musikarchiv der Deutschen Nationalbibliothek
– Podcast „Baden-Württemberg erzählt“ – Arbeitsstelle Sprache in Südwestdeutschland, Tübingen