Immer mehr Wissenschaftler*innen podcasten. Wer Lust auf diese Form der Wissenschaftskommunikation hat, fragt sich oft zuallererst: Eignet sich mein Forschungsthema oder -gebiet für einen Podcast? Manche werden dann bange. Eine Einordnung und sechs hilfreiche Fragen.

„Mein Forschungsthema ist wahrscheinlich zu speziell für einen Podcast.“, diese Vermutung höre ich in meinen Podcastworkshops ziemlich oft. Dahinter kann der Gedanke stehen, die Inhalte seien zu abstrakt, zu kompliziert oder zu zahlenlastig. Und es brauche eben doch Diagramme und Abbildungen fürs Verständnis. Tatsächlich eignet sich nicht jedes Thema automatisch für einen Podcast. Aber.

Die Grenze zwischen „podcastbar“ und „nicht podcastbar“ verläuft nicht zwischen Fachgebieten wie Geschichte (in der Erzählungen eine große Rolle spielen) und Mathematik.  Es gibt einen sehr beliebten Mathematik-Podcast und auch Astronomie in Kombination mit Geologie kann wunderbar funktionieren. Oder Chemie. Oder noch spezieller: Wirkstoffchemie.

Entscheidend ist, welchen Dreh man für das Thema findet

Um den geeigneten Dreh zu finden, treten viele Podcastende einen Schritt zurücktreten, und betrachten ihren Gegenstand mit etwas Abstand. Noch besser ist es, die Seite zu wechseln und sich in die Schuhe der künftigen Hörer*innen zu stellen. Sind es Fachkolleg*innen, hilft der Gedanke an ein informelles Gespräch am Rande einer Konferenz. Ist es die Öffentlichkeit (die Bäckerin oder der Nachbar) dann verändert sich der Aufhänger und die Erzählweise. Die Forschungsfrage wird zur Leitfrage im Manuskript der Folge. Und dann heißt es, Inhalte für ein anderes Publikum zu rekontextualisieren. Und die passende Darstellungsform zu finden.

Fragen und entdecken statt erklären

Nehmen wir ein fiktives Forschungsprojekt zur Modellierung städtischer Hitzeinseln. Der naheliegende Einstieg wäre: „In unserem Forschungsprojekt untersuchen wir die Entstehung urbaner Hitzeinseln und modellieren den Einfluss verschiedener städtebaulicher Faktoren.“ Das ist sachlich vermutlich korrekt. Aber die Hörer*innen wissen noch nicht, warum sie weiterhören sollen. Anders, wenn es heißt: Warum ist es in einer Sommernacht an einer Hamburger Kreuzung mehrere Grad wärmer als ein paar Straßen weiter?

Plötzlich gibt es etwas herauszufinden. Von dort kann der Podcast zu Messverfahren, Bebauung, Versiegelung, Vegetation und schließlich auch zur Modellierung kommen. Das Feld der Forschung wird von einer anderen Seite aus betreten. Wissenslücken machen auch Fachfremde neugierig, wenn sie einen Bezug zu ihrem Leben erkennen.

Wissenschaftler*innen bei der Arbeit erleben

Ein Thema „vom Menschen her anzugehen“, ist im Prinzip eine gute Idee. Nur nicht, wenn der Podcast mit der akademischen Vita beginnt. Wo arbeitet sie? Was hat sie studiert? Wie kam sie zu ihrem Thema? Das kann durchaus interessant sein. Mit der eigentlichen Forschung hat es jedoch zunächst wenig zu tun. Spannender ist es, ausgehend von einem Wendepunkt, den Forschende bei der Arbeit erleben, mehr über ihre Gedanken zu erfahren. Eine bisher unbekannte Perspektive einzunehmen.

Hier ist Mut zur Sichtbarkeit gefragt. Wenn man persönliche Gedanken (und Gefühle) ausspricht, verringert sich die Distanz zum Publikum. Das widerspricht der eingeübten Norm, sich als Person herauszuhalten – aber im Podcast schafft genau diese Person Nähe und Glaubwürdigkeit.

Das Publikum will dann wissen: Warum hat ein Forscher ausgerechnet diese Hypothese geprüft? Woran ist das Team zunächst gescheitert? Warum vertraut die Archäologin einer bestimmten Datierung noch nicht? Diese Offenheit ist kein Eingeständnis von Schwäche: Sichtbar gemachtes, methodisch eingeordnetes Ringen zeigt, wie sorgfältig Wissenschaft arbeitet. Aus „Wir sprechen heute mit Professorin X über ihre Forschung zu …“ wird dann beispielsweise: „Als die ersten Messwerte kamen, dachte das Team zunächst an einen Fehler.“

Vom Abstrakten zum Konkreten

„Meine Forschung ist zu abstrakt“ ist ein ernstzunehmender Einwand. Aber vielleicht findet sich doch ein Punkt, an dem etwas beobachtbar wird. Ein Algorithmus sortiert Bewerbungen. Ein Material bricht unter einer bestimmten Belastung. Ein historischer Begriff taucht plötzlich in Briefen auf. Ein mathematisches Modell liefert eine Vorhersage, die sich überprüfen lässt. Das kann (und sollte) in die Podcastfolge aufgenommen werden.

Dort einsteigen, wo es Reibung gibt

Wissenschaft produziert glücklicherweise nicht ständig Sensationen. Deshalb trägt auch die beliebte Dramaturgie „Forschende haben etwas Erstaunliches entdeckt“ nicht besonders weit. Interessanter ist die kleinformatigere Differenz: Was hätten wir eigentlich erwartet – und was zeigt die Forschung stattdessen?

Vielleicht ergibt eine Befragung keinen Unterschied, obwohl alle mit einem gerechnet haben. Ein historisches Dokument passt nicht zur bisherigen Interpretation. Ein Medikament wirkt bei einer Gruppe anders als angenommen. Zwei Messmethoden liefern unterschiedliche Resultate. Damit bekommt der Podcast einen Erkenntnisweg: Es gibt einen Ausgangspunkt, dann taucht ein Problem auf, und nun muss geklärt werden, was dahintersteckt. Das ist der Stoff aus dem Storys gemacht sind.

Eine Veränderung erfahren

Was ist nach zehn oder zwanzig Minuten Podcast anders als am Anfang? Wenn die Antwort lediglich lautet „Die Hörer*innen haben jetzt mehr Informationen“, fehlt etwas. Am Ende kann eine Ausgangsfrage beantwortet sein. Eine plausible Erklärung kann sich als falsch erwiesen haben. Aber was bedeutet das? Was bedeutet das für die Hörer*innen? Diesen Bezug sollten die letzten Minuten der Folge wiederherstellen. Erst dann kann sich ein Gefühl von Bereicherung und Erweiterung des eigenen Wissenshorizonts einstellen. Schöner Nebeneffekt: Der Kreis schließt sich.

Und welche Forschung eignet sich nicht für einen Podcast?

Die Frage ist nicht verkehrt. Es gibt Forschungsgebiete, deren zentrale Befunde sich ohne Bilder nur schwer vermitteln lassen. Es gibt Themen, die so viel Vorwissen verlangen, dass eine einzelne Podcastfolge damit überfordert wäre. Und es gibt Fragestellungen, bei denen ein Text, eine interaktive Grafik oder ein Video das geeignetere Medium ist. Aber vielleicht verändert sich etwas, wenn ein anderer Ausschnitt, eine andere Perspektive gewählt, eine Fehlannahme an den Anfang gestellt wird oder wenn Forschende sich erlauben, von ihren Erlebnissen und Erfahrungen zu erzählen.

Deshalb würde ich vor der Entscheidung für oder gegen einen Wissenschaftspodcast diese Fragen stellen:

  • Welche Frage steckt in meinem Thema? Ist es eine, auf die auch jemand ohne mein Vorwissen eine Antwort hören will?
  • Wo wird meine Forschung konkret: Was lässt sich sehen, hören (!!), anfassen oder sich vorstellen?
  • Gibt es Erwartungen, die sich nicht erfüllt (aber auf eine neue Sput geführt) haben?
  • An welcher Stelle haben wir gezweifelt, gestockt oder uns geirrt?
  • Haben wir einen Wendepunkt erlebt?
  • Was ist nach zwanzig Minuten anders als am Anfang – für uns und für die Hörer*innen?

Wenn sich darauf nichts finden lässt, ist ein Podcast vielleicht wirklich nicht das richtige Medium. Meistens würde ich aber vorher den Dreh überprüfen.

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